„Mit Design Thinking alte Machtstrukturen durchbrechen“

Andrea Muñoz arbeitet als Design Thinking-Coach und erfolgreiche Filmeditorin. Im Interview am internationalen Frauentag spricht sie u.a. darüber, wie Design Thinking alte Machtstrukturen durchbrechen kann, was ihre Arbeit mit Vertrauen zu tun hat und inwiefern sich ihre beiden beruflichen Leidenschaften ergänzen.

Andi, auf den ersten Blick bist du ja in zwei völlig verschiedenen Branchen tätig. Als Filmeditorin arbeitest du kreativschaffend, als Design Thinking Coach eher in einer reinen Businesswelt. Kannst du kurz erzählen, wie du zum Design Thinking gekommen bist?

2011 habe ich meine Bachelorarbeit in Philosophie geschrieben. Ich habe mich viel alleine in der Bibliothek aufgehalten und mit wirklich wenigen Menschen etwas zu tun gehabt. Dann habe ich dort einen Flyer vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) gefunden. Auf diesem stand  “Don’t wait – innovate” und darauf abgebildet waren junge Menschen, die nicht sitzen, sondern stehen, nicht alleine, sondern zusammen arbeiten. In meinem einsamen Zustand, war ich ein leichtes Opfer.
Weder ich, noch die Menschen um mich herum hatten eine Ahnung, was Design Thinking kann und möchte bzw. was die d.school am HPI ist. Aber die Sehnsucht, nicht in einer Bibliothek zu sitzen, sondern mit einer Gruppe Menschen etwas zu gestalten hat mich gereizt.

Design Thinking ist ja nicht nur der Begriff der Stunde, sondern auch eines deiner Steckenpferde. Was macht Design Thinking so besonders für dich?

Ich sehe Design Thinking als eine der Chancen, alte Machtstrukturen zu durchbrechen. Heute wie damals begeistert mich die Tatsache, dass die Methode andere Arbeitsweisen verlangt und es als Stärke versteht, wenn Teams divers aufgestellt sind. In meinem Team an der d.school war u.a. Mariana Gutheil. Sie ist mit einem mir bis dahin unbekannten Selbstverständnis auf die Bühne gegangen und hat sich kritisch der Methode gegenüber geäußert, während der Großteil von uns (ich vorne mit dabei) alles begeistert bejubelt hat. Während dieser Zeit habe ich in neuartigen Teamkonstellationen gearbeitet und andere Rollenbilder kennengelernt. Ich kann mir nicht vorstellen jemals wieder anders arbeiten zu wollen, als in Teams, die die Diversität der Gesellschaft widerspiegeln.

Du arbeitest nun schon seit einigen Jahren für openmjnd. Welche Prinzipien sind dir bei deiner Arbeit als Coach bei openmjnd besonders wichtig?

Was ich von Anfang an mochte, war der Vertrauensvorschuss den ich bei openmjnd bekommen habe. Meine Fähigkeiten als Coach wurden nie in Frage gestellt, dort wurde mir mehr zugesprochen, als ich mir selber zugetraut hätte. Diese Art mit Menschen umzugehen, die in einer Abhängigkeit zu mir stehen, habe ich mir angeeignet, sowohl als Coach als auch als Filmeditorin. Gerade beim Design Thinking ist das Vertrauen in ein agil und eigenverantwortlich arbeitendes Team und die vorhandenen Expertisen Voraussetzung für einen zielgerichteten Prozessablauf.

Wie siehst du dein Selbstverständnis als Coach bei der Arbeit?

Ich beobachte gerne andere Coaches bei ihrer Arbeit. Jeder Coach positioniert sich anders im Raum, interagiert anders mit dem Team. Als Coach habe ich schnell gelernt, dass es unmöglich ist alles zu kontrollieren. Ich kann Trigger setzen, den Überblick behalten, auf meine Erfahrung vertrauen und auf meine individuelle Art das Team führen.
Jedes Team ist zwar anders, aber die emotionale Kurve während des Prozesses ist oft ähnlich. Ich lasse es zu, dass die Teams Frustration spüren und manchmal lasse ich sie gegen die Wand fahren, wenn das für die Lernkurve nötig ist. Früher wollte ich, dass die Teams nicht nur super Ergebnisse erarbeiten, sondern auch 24/7 Spaß haben und mich durchgehend lieben. Das ist Quatsch, ich bin kein Clown, ich hasse Clowns. Außerdem widerspricht es dem Design Thinking-Ansatz.
Nach jedem Workshop freue ich mich über das Feedback der TeilnehmerInnen, ich schaue es mir an, um daraus zu lernen.

Kommen wir zu deiner zweiten Leidenschaft. Wie bist du zum Film gekommen?

Einer der ersten Filme, die ich geschaut habe, war “ES” von Stephen King. Ich war 6 oder 7 Jahre alt. Mein Einstieg in die Filmwelt war also eher ein traumatisierender, aber die Macht audiovisueller Medien, fasziniert mich seit dem. Anfang 20 begann ich, erste Videos mit meiner Digitalkamera zu drehen und mit iMovie zu schneiden. In diesem Prozess des kleinen Produzierens war der Filmschnitt das, was mir am meisten Spaß gemacht hat – möglicherweise, weil ich dort die meiste Macht spürte.

Zeitgleich habe ich jemanden kennengelernt, der Montage an der Filmuniversität Babelsberg studierte. Das Dreieck aus “Ich bin begeistert von dieser Macht”, “man kann das studieren” und “ich habe es selbst ausprobiert” –  das hat für mich Sinn gemacht. Und so bin ich zum Film gekommen. Mehrere Dinge die sich bedingt und gekoppelt haben.
Rückblickend können sich solche Sachen immer leicht erzählen. Als wäre meine jetzige Situation eine absehbare Folge meiner damaligen Entscheidungen. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Bachelor in Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Philosophie, ging zu einer bis dahin komplett unbekannten d.school und hatte mich mit einem auf iMovie geschnittenen Video auf der Filmuniversität Babelsberg beworben. Meine Zukunft war also gesichert.

Würdest du sagen, dass sich beide Tätigkeiten inspirieren?

Auf jeden Fall! Ich finde es eher schwierig, eine Grenze zu ziehen. Bei beiden Tätigkeiten habe ich großen Gestaltungsspielraum, ich kann meine eigene Perspektive auf verschiedenen Ebenen einbringen, orchestriere und organisiere aber auch die Kreativität von anderen. Darüber hinaus spielt wie gesagt das Vertrauen eine große Rolle. Vertrauen in die kreativen Fähigkeiten von Teammitgliedern, Vertrauen aber auch in Team-Dynamiken und den Willen aller, gemeinsam gestalten zu wollen.
Im Film werden Geschichten erzählt und mit Hilfe von Design Thinking gestalten wir zukünftige Geschichten. Meine Motivation ist es immer die Teams zu befähigen, ihre gesammelten Erkenntnisse so zu verknüpfen, dass am Ende aus vielen verschiedenen Erkenntnissen und Puzzleteilchen ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Dieses Gesamtbild müssen wir uns Stück für Stück erarbeiten. Wir ziehen Schlüsse aus Nutzerverhalten, hinterfragen und generieren Insights. Ähnlich wie ich bei meiner Tätigkeit als Editorin einzelne Szenen zu einer Geschichte zusammenfüge, befähige ich die Teams die Einzelteile der Erkenntnisse über NutzerInnen sinnvoll in Beziehung zu setzen. Natürlich mit dem Unterschied, dass wir nichts frei kreieren, sondern stets nah an den NutzerInnen bleiben, aus ihrer Perspektive denken und auf das zu lösende Problem blicken. Durch empathisch kreierte User Journeys decken wir aktuelle Probleme und neue Potentiale auf.

Von den inhaltlichen parallelen abgesehen, habe ich mir aber auch durch das Coaching die finanzielle und emotionale Unabhängig erarbeitet, mir aussuchen zu können, mit wem ich an welchen Film arbeiten möchte. Das können die meisten FilmeditorInnen nicht. Und zwar nicht, weil sie nicht gut sind, sondern weil Machtstrukturen in der Filmbrachen es verhindern.

Du triffst bestimmt auf viel Konkurrenz in beiden Branche – ist es in beiden Bereichen schwieriger, sich als Frau durchzusetzen?

Ich würde sagen, dass in beiden Bereichen die viel härtere Konkurrenz die Frauen selbst sind. Es gibt viele gute Filmeditorinnen! Mit einigen von ihnen arbeite ich zusammen. Es ist Konkurrenz im positivsten Sinne, weil wir voneinander lernen, uns unterstützen und patriarchale Strukturen durch diesen Zusammenhalt schwächen. 2011 gab es kaum eine Nachfrage für Design Thinking Coaches. Dieser Markt hat sich in den letzten Jahren vollkommen neu zusammengesetzt. Zu Beginn waren viele Coaches vor allem d.school Alumni und viele davon Frauen. Durch die erhöhte Nachfrage sind Aspekte wie Macht, Geld und Prestige dazugekommen – ich bin gespannt, wie sich das in Zukunft entwickelt.

Du bist Mitglied im Verein “ProQuote Film”. Empowerment unter Frauen ist heute wichtiger denn je. Wie unterstützt du andere Frauen und was wünschst du dir von anderen?

Meinen ersten bezahlten Coaching-Job habe ich über Anna Lässer bekommen. Sie selbst konnte den Job nicht wahrnehmen und hat mich empfohlen. Sie ist den direktesten Weg gegangen, um mich ins Spiel zu bringen. Durch diesen Job habe ich Steffen und Miriam kennengelernt und bin dann später zu openmjnd gekommen. Wenn ich heute selbst einen Anfrage nicht wahrnehmen kann, empfehle ich direkt eine andere Person weiter, in den meisten Fällen eine Frau.

Wo siehst du dich in 5 Jahren?

Ich wusste nicht, dass es einen Deutschen Kamerapreis gibt, bevor ich für diesen nominiert wurde. Meine jetzige Existenz beruht darauf, dass ich sein wollte, wie die Menschen, die auf einem Flyer abgebildet waren. Ich habe bis jetzt vor allem in Deutschland gearbeitet und bin geprägt von dem, was in Europa passiert. Wie die meisten MigrantInnen bin ich jedoch in zwei Kulturen zu Hause. Mir steht ganz Lateinamerika offen, ich kann mir vorstellen meinen Lebensmittelpunkt stärker nach Mexiko zu verlagern, sowohl als Coach als auch als Filmeditorin.